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Benötigt die digitale Transformation überhaupt noch Berater?

Wissen Sie, was das wirklich Spannende an der digitalen Transformationen ist? Niemand weiss, wohin die Reise wirklich geht. Niemand. Es kommt einem mitunter wie ein großer Versuchsballon vor, auf den alle aufspringen. Die einen haben eine Ahnung davon, was die Zukunft bringen könnte.

Die anderen meinen es nur zu wissen. Aber die meisten wissen, dass die Notwendigkeit unvergleichlich hoch ist etwas zu tun. Etwas? Dieses Etwas wird natürlich gerne von der Beraterbranche aufgenommen und in zum Teil sehr unterschiedliche Beratungsprodukte umgewandelt.

 

Um es vorweg zu nehmen: Ich darf dieses Thema aufgreifen, denn unsere Firma gehört zur Beraterbranche. Und damit darf ich auch den Spiegel mal wieder aufhängen: Beratungsprodukte sind oft zum Teil nichts anderes als alter Wein in neuen Schläuchen. Das muss per se nicht schlecht sein, denn wir reden hier über Methoden zur Entwicklung bzw. Umsetzung zentraler Themen wie Strategie, Organisationsentwicklung, Marktbearbeitung/Vertrieb. Insofern verwundert es auch nicht, dass die Mehrheit der Beratungsgesellschaften offensichtlich wie aus dem Nichts zu allen möglichen digitalen Themen beraten können wollen. Wie kann das sein?

 

Nun, auch in der Beratungswelt wird bei dem ein oder anderen progressiv evolutionär gearbeitet. Man baut auf dem Vergangenen auf und versucht, aktuelle Trends (ist Digital ein Trend?) abzugreifen. Meine Beraterkollegen mögen mich jetzt bitte entschuldigen, aber die sicherlich mehrfach erfolgreich umgesetzten Beratungsprojekte mit digitalen Instrumenten zu verknüpfen ist extrem kurz gedacht. Das funktioniert nicht. Natürlich benötigt man eine digitale Strategie, natürlich muss die Organisation den neuen Anforderungen gerecht werden (Welche Anforderungen sind das eigentlich?) und natürlich hat man die Möglichkeit, mit digitalen Instrumenten den Markt umfassender zu bearbeiten, möglicherweise auch schneller und vielleicht auch näher am Kunden. Kurzum – alles wird besser. Also alles gut?

 

Transformation bedeutet auch Zerstörung

 

Mitnichten – denn wir reden über Transformation. Weichgezeichnet bedeutet Transformation Veränderung. Bei etwas längerem Nachdenken werden Sie feststellen, dass Transformation auch Zerstörung bedeutet. Und damit wird vielleicht die Bedeutung der (nicht kommenden sondern schon längst stattfindenden) Transformation deutlich: Es geht darum, ob mein Unternehmen morgen noch existiert und wenn ja, warum?

 

Transformation und Beratungsgeschäft stehen damit in einen eklatanten Wiederspruch. Kein Berater dieser Welt wird Ihnen vermutlich anraten, erst einmal Ihr Unternehmen oder softer ausgedrückt Ihre Unternehmensstruktur zu zerstören bevor Sie die digitalen Chancen nutzen werden. Ein Unternehmensberater wird natürlich bemüht sein, mit Ihnen eine digitale Strategie zu entwickeln und Ihr Unternehmen entsprechend danach auszurichten. Aber wie soll das gehen?

 

Wir befinden uns kurz nach dem digitalen Urknall

 

Roman Dyrschka, Inhaber der Interstruct AG aus Berlin und gestandener Webfreak sagte zur mir letztens: „Wir befinden uns kurz nach dem digitalen Urknall, woher wollen Sie denn nun wissen, wie sich Ihr Geschäfts in Zukunft entwickelt“? Diesen Satz habe ich erst nach einigen Tagen verstanden und mir ist klar geworden, was er für die gesamte Beratungsbranche bedeutet, die mit Referenzen wirbt und letztendlich Erfahrungen der Vergangenheit auf die Zukunft extrapoliert. Es gibt wenige Erfahrungen über erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle. Zudem kommt hinzu, dass die Veränderungen in allen Lebensbereichen stattfinden und stattfinden werden. Was wollen Sie dann beraten?

 

Veränderungen oder Transformation in allen Lebensbereichen bedeutet, dass sich Ihre Kunden verändern. Ihre Märke wird vielleicht verschwinden, neue sich auftun. Ihre Dienstleistung oder Ihr Produkt ist morgen noch gefragt und muss maximal angepasst werden. Aber was passiert, wenn Sie plötzlich mit einem neuen Player am Markt zu tun haben, der gar nicht die Notwendigkeit hat, Ihr Unternehmen als Wettbewerber zu betrachten. Warum auch, wenn möglicherweise die Leistung des Neuen Ihre eigene Leistungserbringung obsolet macht?

 

Das macht jetzt in der Summe düster klingen und die Zukunft schwarzmalerisch aussehen lassen. Das ist nicht meine Absicht hier.

 

Beratung kann Ihnen hierzu Tipps geben, aber Lösungen schaffen?

 

Aber ich möchte Sie sensibilisieren, dass Sie sehr aufmerksam Veränderungen beobachten und weniger auf Ihre Mitbewerber achten sollten. Vielmehr sollten Sie sich auf eine Zeit einstellen, die äußerste Flexibilität fordert und mit absoluter Sicherheit die Bereitschaft, rasch zu handeln und für radikale Maßnahmen bereit zu sein. Beratung kann Ihnen hierzu Tipps geben, aber Lösungen schaffen? Absolut unmöglich.

 

Ein Beispiel? Strategieberatung baut auf der Betrachtung von Märkten, Potenzialen, Kunden, Mitbewerbern und anderen Faktoren auf, die sich analysieren, messen und auswerten lassen. Eine Unternehmensstrategie kann deshalb entwickelt werden, weil verschiedene Ergebnisse in eine Gesamtbetrachtung einfließen. Wie geht dies bei der kommenden digitalen Veränderung?

 

Digitale Transformation ist eine Gleichung mit sehr vielen Unbekannten. Digitale Transformation lässt sich somit strategisch nicht entwickeln, es lässt sich nicht planen und wir stehen somit alle vor dem gleichem Dilemma: Wo setzen wir in Zukunft welche Ressourcen ein?

 

Chancengleichheit

 

Das Gute daran ist – es stehen alle vor dem gleichen Problem und digitale Transformation bringt uns zu etwas, an was in den letzten Jahren niemand gedacht hätte: Chancengleichheit. Ein kleines Unternehmen kann erfolgreicher sein als ein Konzern. Ein Mittelständler mit vielen Fachkräften ist vermutlich langsamer als ein Start-Up. Denn Ressourcen müssen auch eingesetzt werden und lässt einem in bestehenden Denkmustern verharren. Dies führt zwangsweise zu einer Verlangsamung der Prozesse. Denken wir doch noch etwas mehr um die Ecke:

 

Können Sie sich vorstellen, dass morgen eine Hotelkette zum Wettbewerber für einen Automobilhersteller wird oder vice versa? Autonomes Fahren ist in aller Munde und wenn wir ehrlich sind, macht vieles davon auch Sinn. Das Thema wird somit umgesetzt. Wenn ich mich nachts autonom in einem Fahrzeug zu meinem Zielort bringen lasse, benötige ich kein Hotelbett mehr, oder? Die Bahn stellte die Schlafwägen in 2016 endgültig ein, obwohl eine steigende Nachfrage für den Übernachttransport festgestellt wurde. Was ist, wenn dieses Thema im Bereich autonomes Fahren weitergedacht wird?

 

Ein möglicherweise für den ein oder anderen Autofahrer ganz netten Nebeneffekt wird es auch geben: Autonome Fahrzeuge halten sich an die Verkehrsregeln – wer benötigt dann noch Geschwindigkeitsmessgeräte und deren Hersteller?

 

„Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen“ hat mal ein kluger Mensch mit einem gewissen Hang zur Satire gesagt. Wohl wahr.

 

Die Lehre daraus könnte jetzt sein – erarbeiten Sie keine Strategie und leiten Sie keine Pläne daraus ab, denn diese Arbeit könnte schneller überholt sein als Ihnen lieb ist. Aber arbeiten Sie auch nicht einfach ins Blaue hinein. Verfolgen Sie die Digitalisierung aufmerksam und gehen Sie für Ihr Unternehmen einen Schritt nach dem anderen. Denn digitale Transformation ist vor allem eine laufende Prozessoptimierung unter neuen Vorzeichen.

 

Mut und Risikobereitschaft

 

Und wenn sich die Gelegenheit ergibt – dann sind Sie vielleicht derjenige mit dem neuen (disruptiven?) Geschäftsmodell in Ihrer Branche. Ich meine, es kann hier nur einen Rat geben – verschiedene Möglichkeiten zur digitalen Transformation in Betracht ziehen und auszuprobieren und kennenzulernen. Mit ständiger Bereitschaft, schon begonnene Wege auch wieder abzubrechen und in eine andere Richtung zu gehen. All dies wiederspricht der gängigen Lehrbuch-Unternehmensstrategie und erfordert Mut und Risikobereitschaft. Aber dafür sind wir ja alle auch Unternehmer geworden.

 

Gut gebrüllt, Löwe? Sicherlich. Denn schließlich sind wir auch nur Berater.

 

Sicherlich ist es auch eine spannende und zielführende Option, Mut zu duplizieren und Risiko zu halbieren, um Innovationen auf den Markt zu bringen und neue Wege zu gehen. Bei unseren Open Innovation Projekten machen wir tagtäglich nichts anderes, als Mut und Progressivität zu vernetzen.

 

Schreiben Sie mir, ich freue mich über jeden Kommentar.

 

Ihr Harald Fischer

 

 

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